Verein für Heimatgeschichte Bürstadt e.v.
 

Noch ein Jubiläum: 300 Jahre Altes Rathaus in heutiger Form

von Dr. Gerd Baltes


2026 kann Bürstadt auf verschiedene historische Jubiläen zurückschauen:

100 Jahre Erweiterungsbau der katholischen St. Michaelskirche, 100 Jahre evangelische Gustav-Adolf-Kirche, 125 Jahre Bau Schillerschule Bürstadt und 300 Jahre Historisches Rathaus Bürstadt.


Um 1726 wurde das Alte Rathaus Bürstadt nach Zerstörung im 30-jährigen Krieg und Wiederaufbau 1684 in seiner heutigen Gestalt errichtet
Das als „Gute Stube“ Bürstadt titulierte „Alte Rathaus“ von Bürstadt an der Ecke Nibelungen-Mainstraße blickt schon auf eine lange Geschichte zurück.
Bereits 1608 wurde es als erstes Rathaus des Dorfes errichtet. Davon zeugt als Baurest nur noch das Erdgeschoss, das bis heute erhalten blieb. Denn schon während des bald nach seiner Einweihung beginnenden 30-jährigen Krieges (1618 – 1648) wurde das Rathaus durch Brand zerstört und blieb für mehrere Jahrzehnte in diesem beklagenswerten Zustand. Mit dem Wiederaufbau beschäftigte sich die Gemeinde erst wieder ab dem Jahr 1684. Nach Ende des großen Krieges im Westfälischen Frieden war den Bürstädter Bürgern der Wiederaufbau ihrer Kirche St. Michael wichtiger.

In seiner heutigen Bauform zeigt sich das Alte Rathaus schließlich seit 1726. Wie Hans Reuss in seiner Chronik berichtet verwendete man das massive Untergeschoss des Baus von 1608. Das etwa 1684 darauf gesetzte Obergeschoss wurde wieder abgetragen. Um 1628 waren schließlich die Arbeiten am Rathaus abgeschlossen.


Verschiedene Funktionen des Rathauses in alter Zeit

Schon mit dem ersten Bau wurden im Rathaus auf kurfürstlichen Befehl dem Schulmeister Räume eingerichtet. Bis zum 30-jährigen Krieg wurden diese Räume also auch als „Schulhaus“ genutzt.
Nach 1726 diente die große Halle im Erdgeschoss dem Feuerschutz des Dorfes, „indem damals die ledernen Feuereimer, Leitern und Haken dort untergebracht waren. Sogar noch um die vergangene Jahrhundertwende standen Spritze, Pumpe und Schlauchwagen sowie Leitern dort und gehörten nun der Freiwilligen Feuerwehr. Außerdem lag im Obergeschoss des Rathauses die Salzkammer“ (Reuss).
Während Kriegszeiten wurde die Rathaushalle auch zur Lagerung von Heu gebraucht, wenn die Gemeinde zu Heukontributionen (Abgaben) verpflichtet war. Weiterhin befand sich dort bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Tabakwaage, Tabak wurde im Dachgeschoss gelagert.

Das Obergeschoss wurde bis in der 1960er Jahre durch eine Außentreppe erreicht, die abgerissen wurde.

Im Obergeschoss, in dem als Schmuckstück die Stuckdecke aus der „Bandelwerkzeit“, einer Stilperiode des Barock, zu sehen ist, sind als Funktionsräume nur „Gerichtsstube“ und „Saal“ überliefert. Hans Reuss berichtet weiter, dass das Rathaus erst Anfang des 20. Jahrhunderts zum Verwaltungsgebäude wurde. Zuvor erledigten die Bürgermeister ihre Schreibarbeiten zuhause in den eigenen Räumen. Mit Zunahme der Verwaltungstätigkeiten wurden schließlich große Teile der Verwaltung im Februar 1933 in das „Dusenbergsche Haus“ verlegt. Dieses Gebäude an der Ecke Nibelungen-Lampertheimerstraße wurde 1981 abgetragen und musste dem heutigen Komplex an dieser Stelle weichen.


Die erste Milchsammelstelle

Von 1933 bis 1953 befand sich im Untergeschoss des Alten Rathauses die erste Milchsammelstelle Bürstadts, bevor in der Marktstraße die Milchzentrale eingerichtet wurde. Der Eingang zur Sammelstelle lag an der Südseite des Hauses zur Nibelungenstraße hin. Morgens und abends lieferten die Bauern mit ihren Kannen die Milch ab, noch in den 1960er Jahren gab es über 90 milcherzeugende Betriebe in Bürstadt. Lange Jahre hat die „Milch-Theres“ (Theresa Heiser) die Sammelstelle betreut. Die Milch wurde damals nach Litern gemessen (nicht gewogen), das Ergebnis auf einer Stechkarte gedruckt. Die Milch wurde dann in große Kannen gefüllt und so gut es ging gekühlt, bevor sie von der Mannheimer Milchzentrale abgeholt wurde. Später wurde ein Großbehältnis für die Zwischenlagerung angeschafft. Jede abgelieferte Milch wurde auf ihren Fettgehalt geprüft, der mindestens 3,5% betragen sollte. Es wird überliefert, dass es vorgekommen sei, dass Milch mit Wasser zur Vergrößerung des Volumens gestreckt wurde.

Ende des Monats brachte „Milch-Theres“ das Milchgeld in bar zu den Erzeugern.
Die Milchsammelstelle im Alten Rathaus war auch ein wichtiger Treffpunkt der Landjugend, besonders bei der abendlichen Milchablieferung.

Mit der Milchsammelstelle teilte sich weiterhin ab 1945 die örtliche Krankenkasse das Erdgeschoss des Rathauses.

Das Alte Rathaus bis heute

Alte Fotoaufnahmen des Rathauses in den 1930er Jahren zeigen ein in die „Jahre gekommenes“ Gebäude. Das Untergeschoss aus dem Jahr 1608 zeigt abblätternden Putz und wahrscheinlich aufsteigende Feuchtigkeit im Mauerwerk. Das Obergeschoss zeigt sich mit einer schmucklosen Fachwerkkonstruktion ohne Ziergefache, wie sie etwa an den Rathäusern Lorsch oder Heppenheim zu sehen sind. Auch gibt es noch nicht den Erker, der heute zur Frontseite zur Nibelungenstraße zu sehen ist. Das Fachwerk wurde bei einer Überholung des Rathauses 1936 verputzt, wie es von den kurfürstlichen Bauplänen her eigentlich gedacht war. Trotz dieser Überholung des Baus war der Erhalt des Gebäudes lange nicht gesichert. Hans Reuss: „Im Januar 1958 begannen lebhafte Diskussionen um den Erhalt des jahrhundertealten Gebäudes und es kam zu einem förmlichen Antrag, das Gebäude abzureißen. Das Archiv der Bürstädter Zeitung bewahrt die in Zeitungsdebatten niedergelegten Meinungen auf, von der eine Stimme meinte: Nur eine von übermäßigem Lokalpatriotismus beflügelte Phantasie kann in diesem Haus ein Kulturgut erblicken, das den Einwohnern mit berechtigtem Stolz und den Besucher mit Bewunderung erfüllen kann“ (S. 264).
Das Gebäude konnte schließlich erhalten bleiben. Mit der Renovierung und dem Umbau in den 1960er Jahren wurde im Obergeschoss der Saal erweitert und mit einer weiteren Stuckdecke versehen, die das Bürstädter Wappen im Zentrum trägt. Nach der erneuten Sanierung des Rathauses im Jahr 2003 zeigt sich das Gebäude im heutigen Erscheinungsbild.
Heute ist man den Beschlüssen aus den 60er Jahren dankbar, dass das Alte Rathaus mit seiner vielfältigen Geschichte erhalten blieb und im wahrsten Sinne des Wortes als „gute Stube“ der Gemeinde für vielfältige Anlässe dient!

Quellen: Reuss, Hans: Bürstadt in seiner Geschichte, Mannheim 1967;

Festschrift 1250 Jahre Bürstadt 2017