Die Geschichte der St. Michaelskirche in Bürstadt
Festvortrag zum 100 – jährigen Weihejubiläum am 26.08.2026
Von Klaus – Dieter Grinda / Verein für Heimatgeschichte Bürstadt e.V.
Herzlichen Glückwunsch, auch im Namen meiner Vorstandskolleginnen und -kollegen zum 100. Weihejubiläum. Es ist mir eine besondere Ehre, den Festvortrag halten zu dürfen. Der Vortrag beleuchtet die Geschichte der Kirche aus den Augen der Heimatgeschichte.
1. Vorgängerbauten ab dem 8. Jahrhundert / hohe Königsbesuche in Bürstadt / Zeitalter Kloster Lorsch und Kurmainz
Die katholische Kirche St. Michael im alten Bürstädter Stadtkern bietet viele interessante Aspekte.
Man geht davon aus, dass an Bürstadts (neben dem Boxheimerhof) höchstgelegenen Stelle schon sehr früh Vorgängerbauten in Form kleinerer Kapellchen standen. Die Stelle wurde wegen den Rheinschlingen (Lachen) und damit der Hochwassergefahr bewusst hier gewählt. Die Entwicklung der Kirche hängt eng mit der Entwicklung des Kloster Lorsch zusammen. Vieles spricht dafür, dass bereits im 8. Jahrhundert eine erste schlichte Holzkirche existierte.
In diesen Vorgängerbauten feierten sogar deutsche Könige und (römische) Kaiser Gottesdienste. Das Königliche Hofgut („villa regalis“) lag mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit westlich der heutigen Kirche in Richtung Briebel unmittelbar daneben.
Womöglich liegen unter dem Querschiff der Kirche noch Fundamente dieser Vorgängerbauten.
Beispielsweise weilte vom 1. bis 14. Mai 870 König Ludwig der Deutsche in Bürstadt. Die Fuldaer Annalen, die offiziellen Charakter haben, berichten: König Ludwig aber feierte die Bitttage und Pfingsten in der Villa Bürstadt bei Worms. Man kann davon ausgehen, dass der König an Pfingsten und während der Bitttage Gottesdienste besucht hat.
Ende April (Pfingsten) 873 hielt König Ludwig der Deutsche in Bürstadt eine Reichsversammlung (placitum) am Bürstädter „Hofgut“ ab. Es wurden Verhandlungen mit einer Gesandtschaft des dänischen Königs Siegfried geführt und ein Bote des großmährischen Fürsten Svatopluk empfangen. Außerdem fand die Aussöhnung zwischen Ludwig dem Deutschen und seinen Söhnen statt. Weitere Erwähnungen des Bürstädter Königshofes anlässlich hoher Besuche blieben ebenfalls erhalten. 876 starb König Ludwig der Deutsche und wurde in der Reichsabtei Lorsch bestattet.
Vom 22. bis 26. Mai 877 weilte König Ludwig der Jüngere in Bürstadt. Er starb 882 und wurde ebenfalls in der Reichsabtei Lorsch bestattet. 882 hielt sich Kaiser Karl III., der jüngste Bruder Ludwigs des Jüngeren, in Bürstadt auf. Nachweisbar ist ebenfalls ein Treffen 983 verschiedener Herzöge bei Bürstadt und eine Reichsversammlung. Auch Mitte Mai und am 20. Oktober 984 weilte Kaiser Otto III. in Bürstadt und im Mai 994 wohl zum letzten Mal.
Bei so wesentlichen Aufenthalten musste eine Kirche zur Feier von Gottesdiensten in Bürstadt existiert haben.
Der Blütezeit des Klosters Lorsch, in dessen Gebiet Bürstadt lag, folgte im 11. und 12. Jahrhundert dessen Niedergang. Während des Investiturstreits von 1076 (Reichstag in Worms) bis 1122 mussten viele Besitzungen an den Adel abgegeben werden. Das Ergebnis des Wormser Konkordats wurden auf den „Bürstädter Laubwiesen“ am 23. September 1122 unter Beisein Kaiser Heinrich V. verkündet.
Seit dem 10. Jahrhundert hatte das Kloster Lorsch das Recht, die Bürstädter Pfarrstelle zu besetzen (sogenanntes Patronatsrecht). Wir können davon ausgehen, dass in kirchlich – religiöser Hinsicht Bürstadt von den Mönchen des Klosters pastoriert wurde.
Bürstadt fiel 1232 zusammen mit der Reichsabtei Lorsch an das Mainzer Erzstift. Somit ging das Patronatsrecht auf den Mainzer Kurfürst über.
1407 wurde ein Nikolausaltar in einer Bürstädter Kirche erwähnt.
Bürstadt wurde 1461kurpfälzisch. Im Verlauf der für Kurmainz verhängnisvollen Mainzer Stiftsfehde wurde das Amt Starkenburg an Kurpfalz wiedereinlöslich verpfändet und blieb anschließend für 162 Jahre kurpfälzisch, wobei Kurmainz das Recht erhielt, das Pfand für 100.000 Pfund wieder einzulösen. Diese Epoche spiegelt sich übrigens auch im Bürstadter Stadtwappen in Form der Wittelsbacher Rauten wider.
Aus dem Jahr 1542 befindet sich im Pfarrarchiv von St. Michael ein auf Pergament geschriebenes Hypothekenverzeichnis, das ein Beweis für das Bestehen einer selbst-ständigen Pfarrei zu Bürstadt ist.
2. Die Spätgotische Kirche (erbaut 1550-1570) / evangelische und katholische Phasen / Dreißigjähriger Krieg / Zerstörung und Renovierung
Ca. 1550 bis 1570 wurde auf der Fläche des heutigen Querschiffs (West-Ostrichtung) eine Kirche im Stile der Spätgotik gebaut. Die unteren Stockwerke des heutigen Kirchturms gehörten dazu. Interessant ist, dass Bürstadt zu dieser Zeit durch die Zugehörigkeit zur Kurpfalz evangelisch war. Unter kurpfälzischem Einfluss wurde Bürstadt zunächst lutherisch, 1563 wechselte man dann zum Calvinismus. Somit kann man salopp sagen, dass der Vorgängerbau, das Taufbecken und der untere Teil des Kirchturms eigentlich Teil einer „evangelischen“ Kirche war. Es kam zu mehreren Wechseln von Pfarrern in der Kirche.
Bürstadt war seit 1623 durch die erneute Zugehörigkeit zum Kurfürstentum Mainz wieder katholisch geworden.
Während des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) waren alle Häuser in Bürstadt niedergebrannt und das Dorf fast 10 Jahre ohne Bewohner. Zum Vergleich: 1618 hatte Bürstadt ca. 700 Bewohner. Die Pfarrstelle war während und nach dem 30-jährigen Krieg längere Zeit nicht oder zumindest unzureichend besetzt.
Der Kurfürst beauftragte die Dominikaner zu Worms mit der Seelsorge in Bürstadt, wenn ihnen auch nicht die Pfarrei formell übertragen wurde.
Im Jahre 1660 wurde die renovierte Kirche vom Mainzer Weihbischof geweiht.
Pfarrer Andreas Frantz (war bereits seit 8 Jahren Seelsorger im Dorf) und Oberschultheiß Franz Molitor sandten im August 1721 an den Erzbischof und Kurfürsten von Mainz, Lothar Franz von Schönborn, ein Schreiben über den erbarmungswürdigen Zustand des Gotteshauses. Es drang bei nasser Witterung der Regen überall hinein. Auch die erworbene Orgel für 180 Gulden war dem Verderb ausgesetzt. Das Schreiben, welches vom Kurfürsten an die Hofkammer (ähnlich einem kurfürstlichen Ministerium) weitergegeben wurde, wurde dort missverstanden, so dass jahrelang nichts passierte.
1725 hatte ein Sturm das Dach so zerstört, dass der Pfarrer nun bei dem Statthalter in Bensheim, Johann Joseph Günter, persönlich vorsprach. Auch hier passierte nichts, außer dass sich Johann Joseph Günter nach Bürstadt begab, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen und den Gemeindevorsteher entsprechend zu informieren.
Sowohl Pfarrer Frantz sowie Oberschultheiß Molitor waren inzwischen verstorben, als sich der neue Pfarrer Nikolaus Joseph Huband mit dem neuen Schultheißen Philipp Franz Hertz mit einem neuen Gesuch im Jahre 1728 an die Kirchenbehörde wandten. Sie erklärten, der Bauzustand der Bürstädter Kirche sei mittlerweile so schlecht, dass der Priester am Altar bei Regen nicht trocken bleibt, außerdem könne sie die Gemeinde nicht fassen. Die Kirche müsse daher unaufschiebbar sofort repariert und erweitert werden. An der verfallenden Kirche geschah aber immer noch nichts.
Im Juli 1730 wurde eine Kommission nach Bürstadt entsandt (die beiden Domherren Franz Philipp Wolf Siegler und Franz Erwin von Nitschke), diese stellten fest: „Das Dach droht augenblicklich einzustürzen und nur unter Lebensgefahr können man dem Gottesdienst beiwohnen“. Daher sahen sich Pfarrer und Gemeinde genötigt, dem jetzigen sowie den vorherigen Kurfürsten um den Bau des Chores zu bitten. Auch das Gutachten vom 08. Juni 1731 brachte keine abschließende Entscheidung, noch immer war nicht geklärt, wer die Kosten für den Bau der Kirche letztendlich trägt.
3. Die katholische Barockkirche (erbaut ab 1732)
1732 wurde nun diese alte, mittlerweile baufällig gewordene, Kirche abgerissen und durch einen neuen, größeren barocken Bau an gleicher Stelle ersetzt. Als Steine zum Kir-chenneubau wurden außer den alten zum großen Teil Neckarsteine verwandt, sowie mit kurfürstlicher Genehmigung Steine vom verfallenen Kloster Lorsch. Diese alte Kirche kann man heute als Querschiff noch gut erkennen.
1733 wurde das Schulhaus neben der Kirche St. Michael gebaut. Als Erbauer gilt Caspar Jonas. Dieses Haus wurde als zuerst als Bauernhaus gebaut und diente später als Lehrerwohnung.
Die Pfarrgemeinde, die das Langhaus zu bauen hatte, geriet zunehmend in Zahlungsschwierigkeiten. Letztendlich wurden Kosten für den Kirchenbau, welcher in den Jahren 1732 – 1734 ausgeführt wurde von der Gemeinde aufgebracht, welche im Jahr 1756 die letzten Schulden ablöste. Die finanzielle Lage der Bewohner Bürstadts und damit auch der Kirche wurde weiter erschwert durch große Wasserschäden infolge von Überschwemmungen in dieser Zeit. Aus diesem Grunde wurde die Erbauung des Turms, wozu sich die Gemeinde Bürstadt eigentlich verpflichtet hatte, auf spätere Zeiten verschoben. Der Rohbau der Kirche war im Jahr 1734 vollendet.
Dieser Kirchenbau blieb einige Jahre unvollendet stehen. Unterdessen hatte sich der Erbauer der Kirche, Pfarrer Nikolaus Joseph Huband, nach Lorsch versetzen lassen. Dieser wollte die Kirche nach und nach fertigstellen.
Sein Nachfolger, der 1739 als Stiftsherr an die Pauluskirche in Worms berufene Johann Philipp Schlippgen ließ ungeachtet der bestehenden Schulden die Kirche im Innern vollenden und 1736 durch den Meister Paulus Löb von Mainz die Stuckaturdecke einziehen, deren Schönheit wir heute noch bewundern können
Da die Kirche nach wie vor in großen Geldnöten war, konnten die Bauarbeiten nicht fortgesetzt werden. Grund hierfür war, dass die kurfürstliche Hofkammer zu Gunsten der Kirche auf den Zehnten verzichtet hatte, dieses Geld wurde aber durch Oberschultheiß Hertz verbraucht. Die letzte Rate der Schuld, die in Raten bezahlt wurde, wurde im Jahr 1756 getilgt. Die anderen Schulden wurden durch die Kirchengemeinde mit geliehenen Geldern getilgt.
Bis zum Bau der Barockkirche lag noch südlich der kleinen gotischen Kirche ein Friedhof, der 1738 von Freiherr von Späth erworben wurde. Neben der Kirche wuchs ein ansehnlicher Herrschaftshof, die spätere Ölmühle bzw. das spätere Keilmännsche Anwesen. Auf deren Fläche liegt heute das neue Pfarrhaus bzw. das Gemeindezentrum.
Die Kirche stand nun zwanzig Jahre, und noch immer war sie nicht kirchlich geweiht, was vermutlich mit den Schulden in Zusammenhang stand. Als dies nun alles geregelt war, konnte die Weihung der Kirche erfolgen.
Die neue Kirche mit Hochalter zu Ehren des heiligen Michael und den Seitenaltären zu Ehren der Gottesmutter und der heiligen Karl Borromäus und Johannes von Nepomuk wurde am 16. September 1753 durch den Mainzer Weihbischof Christoph Nebel und Pfarrer Joseph Thomas Loskandt geweiht. 1756 wurde der Turm von St. Michael auf dem alten gotischen aufgestockt.
Während des Siebenjährigen Krieges ab 1756 war auch das herrschaftliche Anwesen des Herrn von Späth stets von französischen Einquartierungen belastet.
Mittlerweile hatte sich die finanzielle Situation gebessert und die Gemeinde konnte mit dem Bau des Kirchturmes beginnen. Da das Mauerwerk des alten Turms in seinen vier unteren Stockwerken solide und gut war, wurde nur der Helm des Turms abgerissen. Dieser Rest des alten Turms wurde nun um drei Stockwerke erhöht und mit „Kuppel und welscher Haube“ gekrönt. Wer sich den Kirchturm genau anschaut, kann noch heute die verschiedenen Bauzeiten (älterer und neuerer Teil) des Turms erkennen. Der Eingang zum Turm an der Westseite besteht aus einem Portal im gotischen Stil.
In den Folgejahren (ca. 1760) ließ der Mainzer Kurfürst das alte, heute noch existierende Pfarrhaus bauen sowie die Scheune und ein Tagelöhnerhäuschen, das in dem Garten nach dem Briebel noch ungefähr bis um das Jahr 1860 stand.
Die Gemeinderechnung benennt von 1771 ab den Obristforstmeister Freiherr von Hausen als Eigentümer des sog. Herrschaftshofes. Das Anwesen umfasste bekanntlich alle Grundstücke der St. Michaelstraße und das Gelände, auf dem die Kirchenerweiterung nach Süden vorgenommen wurde, das neue Pfarrhaus, das Gemeindezentrum und das Grundstück bis zur Briebelstraße.
Einen neuen Hochaltar ließ Pfarrer Heinrich Gerlach 1783 errichten. Dieser war ein Baldachinaltar. Über dem Altar stand die Statue des hl. Michaels. Zu beiden Seiten des Altars wurden auf Postamenten die beiden Statuen der Apostelfürsten Petrus und Paulus, in Holz geschnitzt (Gernsheimer Meister Andreas Dietmann 1783), aufgestellt.
Das ganze Späth’sche / von Hausen’sche Anwesen ging um 1800 an den Schultheißen Alberty über. Einer der Schwiegersöhne Albertys baute eine Ölmühle. Sie stand auf dem gleichen Platz, an dem später die Drogerie Jean Ille, Ecke St. Michaelstraße, errichtet wurde.
Von der durch den Turm mit der charakteristischen „Welschen Haube“ gekrönten Kirche bemerkte Konrad Dahl in seiner Beschreibung des Fürstentums Lorsch im Jahre 1812: „Sie ist geräumig und schön.“
4. Die Hessen – Darmstädtische Zeit (ab 1803)
Mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803 wurde Kurmainz aufgelöst und Bürstadt kam zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt. Die übergeordnete Verwaltungsbehörde war nun der Regierungsbezirk Darmstadt, der ab 1803 auch als Fürstentum Starkenburg bezeichnet wurde. Am 14. August 1806 wurde die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt gegen Stellung hoher Militärkontingente an Frankreich und den Beitritt zum Rheinbund von Napoleon zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt erhoben. Das Großherzogtum war bekanntlich protestantisch.
Pfarrer Lorenz Leimbach ließ 1808 die Kirche neu ausmalen und den neuen Friedhof vor dem Ort anlegen. Mitte August wurde der neue Friedhof an der Friedhofsstraße (Kanalstraße – Mainstraße – Jahnstraße) eingeweiht. Der alte Kirchhof wird zum Garten umgewandelt.
Pfarrer Leimbach führt darüber hinaus den deutschen Kirchengesang ein.
Unter seinem Nachfolger (Benedict Stoll) wurde 1815 - 1818 auf dem Gelände des Boxheimer Hof, eine kleine Kapelle errichtet.
Die Pfarrkirche selbst wurde 1840, 1860 und 1880 renoviert, nach einem orkanartigen Sturm 1870 auch außen erneuert. Schon im Jahr 1839 wurde die Kirche als zu klein erachtet. Mittlerweile wurde die in Ost-West Richtung liegende Kirche für die stetig wachsende Bürstädter Bevölkerung zu klein und musste baulich erweitert werden.
Zu welchem Zeitpunkt das ganze Späth’sche / von Hausen’sche Anwesen an die Familie Keilmann gekommen ist, lässt sich nicht mehr genau nachvollziehen, jedoch definitiv vor 1863. Die Straßenfront in der Peterstraße betrug 80m Länge und zog sich in abnehmender Breite 130m tief gegen den Briebel zu, so dass eine Fläche von 9.657 m2 zu diesem ehemaligen Anwesen innerhalb des Ortsgebietes gehörten. Mehr als 580 Obstbäume soll in dem Garten gestanden haben und aus den Weinstöcken konnten bis zu 1000l Wein gewonnen werden.
Pfarrer Anton Kuhn plante bereits eine neue Kirche und kaufte das angrenzende Grundstück. Das „Keilmannsche Anwesen“ mit der Ölmühle (Fläche des heutigen Pfarrhauses und Gemeindezentrum und mehr) wurde bereits 1909/1910 zur späteren Nutzung für den Umbau von der Gemeinde angekauft. Der Pfarrer sammelte bereits ab 1890 für den Bau der neuen Kirche Geld. Der Erste Weltkrieg verzögerte jedoch die Umbaupläne.
Im Jahre 1900 wurde der Kirchenchor St. Cäcilia ins Leben gerufen. Erster Dirigent war Rektor Franz Keilmann. Er leitete den Chor 19 Jahre lang.
1912 erfolgten erste Überlegungen zum Bau einer größeren Kirche. Wichtig zu wissen ist, dass die alte Barockkirche bereits unter Denkmalschutz stand und mit einer neu zu bauenden Kirche eine Baugruppe bilden sollte. Ein Wettbewerb unter 3 Kirchenbaumeistern erfolgte. Ausgewählt wurde ein Vorschlag der Architekten Hans und Christoph Rummel aus Frankfurt. Die Verhandlungen mit dem Bischöflichen Ordinariat und dem hessischen Ministerium (Denkmalpflege) zog sich jedoch über Jahre kriegsbedingt hin.
5. Der Erweiterungsbau (erbaut 1924 – 1926)
Nach dem Tod von Pfarrer Kuhn im Jahr 1916 übernahm Pfarrer Georg Wolf die Pfarrei und setzte mit Energie und Tatkraft sich vehement für einen Neubau der Kirche ein. Am 01. Dezember 1916 konnte der neuernannte Pfarrer seinen Einzug in die Gemeinde halten.
Die drei Glocken von 1753 wurden 1849 umgegossen und wurden 1917 ein Opfer des 1. Weltkrieges. Die 1920 wieder beschafften vier neuen Glocken mussten im 2. Weltkrieg abgegeben werden.
Der Kirchenvorstand beschloss 06. September 1923 einen von den o. a. Architekten Rummel überarbeiteten Plan. Noch im gleichen Herbst 1923 geschah der erste Spatenstich.
Hintergrund für den neu zu überarbeitenden Plan ist u. a. die finanzielle Situation der Kirchengemeinde. Das angesparte Vermögen von ca. 200.000 RM (aktuell ca. 1 Mio. EUR) wurde durch die Hyperinflation 1923 nahezu vollständig entwertet, so dass man mit einem deutlich reduzierten Budget arbeiten musste. Zahlreiche Spenden aus nah und fern sorgten jedoch für Erleichterung.
1923 war ein absolutes Krisenjahr für die junge Republik mit Geldentwertung, Armut Hunger und Arbeitslosigkeit. Viele Sparer haben ihr gesamtes Sparvermögen verloren und sind in Armut geraten. Am 9. November 1923 versuchte ein Politiker mit seinem Gefolge in München einen Marsch zur Feldherrnhalle. Ein gewisser Adolf Hitler.
Der tatsächliche Umbau geschah dann erst 1924 – 1926. Im Frühjahr 1924 war das neue Chor der Kirche bereits hochgemauert. In der Karwoche geschah der Durchbruch der nördlichen Seitenwand. Am Ostermontag feierte man die Grundsteinlegung. Die Grundsteinlegung war weniger eine prunkhafte Festveranstaltung denn eher eine religiöse Zeremonie.
An diesem besagten Ostermontag 1924 konnte eine 8 Mann Bläserkapelle bei der feierlichen Grundsteinlegung des Kirchenerweiterungsbau von St. Michael mitwirken. Die Geburtsstunde der KKM. Die Gründung der KKM erfolgt durch Kaplan Edmund Mickler und Pfarrer Georg Wolf. Die Proben mit dem Dirigenten Kaplan Mickler fanden im Schwesternhaus in der Wilhelminenstraße statt. Die musikalische Ausbildung über-nahm damals Philipp Deutsch unter dessen Leitung die KKM einen beachtlichen Aufschwung erlebte.
In den Jahren 1924 bis 1926 wurde auf dem Marktplatz ein Bazar veranstaltet. Der Erlös kam dem Kirchenbau zugute. Auch viele Vereine spendeten.
Als Anerkennung für die außergewöhnliche Opferbereitschaft der Bevölkerung schenkte der damalige Bischof Dr. Ludwig Maria Hugo den Ketteler-Altar, der im Osten des Mainzer Doms stand. Der Ketteler – Altar wurde in der neuen Kirche als Hochaltar aufgestellt.
Die Weihe der Kirche erfolgte dann durch Bischof Hugo am 29. August 1926.
Kleine Anekdote hierzu ist die Fertigstellung und Einweihung der Evangelischen Gustav-Adolf-Kirche am 11.Juli 1926 mit einer großen Feier. Somit wurden in Bürstadt im gleichen Jahr 2 Kirchen geweiht.
Das heutige Pfarrhaus wurde dann im Anschluss gebaut.
Pfarrer Georg Wolf war bis 1929 Pfarrer in Bürstadt und starb 1930. 1930 bis 1936 leitete dann Pfarrer Eugen Mergler die Gemeinde.
Von 1936 bis 1957 wirkte Pfarrer Joseph Adams aus Mainz. Erinnert sei hier an den Stolperstein, der an den Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau erinnert. Er wurde 1943 wegen „kritischer Äußerungen“ verhaftet und kam zuerst ins Gefängnis nach Darmstadt, anschließend ins Konzentrationslager Dachau, wo er bis Osterdienstag 1945 interniert war. In die Bürstädter Pfarrei zurückgekehrt, war er mit der Wiederherstellung der Kirche beschäftigt. Pfarrer Adams starb 1966 als Probst am Dom zu Worms.
Bürstadt, Bobstadt und Riedrode wurden am 25. März 1945 von der amerikanischen Artillerie beschossen, viele Gebäude wurden beschädigt. Es gab große Beschädigungen u. a. an den Kirchen St. Michael und Gustav-Adolf-Kirche, Scheunen usw.
Die Schäden wurden 1951 bis 1957 beseitigt und die Kirche renoviert, sodass sie in ihren einfachen Formen an eine römische Basilika erinnert.
1957 kam Pfarrer Heinrich Stolz nach Bürstadt
Aufgrund der gewaltig gestiegenen Einwohnerzahl musste im Jahr 1957 eine zweite Pfarrei „St. Peter“ errichtet werden, welcher auch der Boxheimerhof zugeschlagen wurde. Die Kirche St. Peter wurde am 29. September 1957 von Bischof Stohr geweiht.
Die neuen Glocken wurden 1959 in Heidelberg gegossen.
Am 18. Mai 1967, während der 1.200-Jahrfeier, wurde der neue Altar mit den Reliquien der heiligen Märtyrer Timotheus und Amelie in St. Michael eingeweiht.
Mittlerweile wurde aus mehreren eigenständigen Pfarrgemeinden eine neue größere Pfarrgemeinde „Alfred Delp / Südliches Ried“ geschaffen.
2026 feierte man nach in den Vorjahren erneuten Renovierungen das 100 jährige Weihejubiläum der vergrößerten St. Michaelskirche zu Bürstadt.
Quellenangabe:
• Aufsatz Hans Reuß „Die Ölmühle“ aus Festschrift 1225 Jahre Bürstadt (1992)
• Aufsatz Anton Ph. Brück „Geschichte der Kath. Pfarrei Bürstadt“ aus Festschrift 1200 Jahre Bürstadt (1967)
• Aufsatz Dr. Michael Gockel „Der Königshof Bürstadt“ aus Festschrift 1225 Jahre Bürstadt (1992)
• Kaplan Josef Winter „Festschrift zur Einweihung der katholischen Pfarrkirche Bürstadt i. R.“ (1926)
• Hans Reuß „Bürstadt in seiner Geschichte“ (1967)
• Der Magistrat der Stadt Bürstadt „Bildband Bürstadt“ (1985)
• Alexander Bauer „St. Michael entdecken“ (2026)
Anmerkung:
Die Fotos wurden der Festschrift „Festschrift zur Einweihung der katholischen Pfarrkirche Bürstadt i. R.“ entnommen.
Mehr Informationen zur Kirchen- und Stadtgeschichte Bürstadt erhalten Sie auf unserer Homepage www.vfhg-buerstadt.de.
Alle Inhalte wurden von mir mit größter Sorgfalt recherchiert und zusammengestellt. Dennoch kann keine Gewähr für die Vollständigkeit und Richtigkeit der Ausarbeitung übernommen werden. Die -auch auszugsweise – Vervielfältigung und Veröffentlichung ist nur mit meiner Genehmigung zulässig.
Klaus – Dieter Grinda








