Bürstadt wird 1803 hessisch und Darmstadt unsere Hauptstadt. Was Darmstadt für Bürstadt bedeutet
Viele Bürstädter pendeln heute nach Mannheim oder Ludwigshafen zum Arbeiten, gehen zum Einkaufen auf die Planken bzw. ins Rhein-Neckar-Zentrum. Zum Fußballschauen fährt man zum Waldhof oder nach Frankfurt, zum Eishockey zu den Adlern. Die Wege der Bürstädter führen eher nach Süden oder Westen, z. B. nach Worms oder in die Pfalz. Kaum ein Bürstädter hat die Wissenschaftsstadt Darmstadt auf dem Schirm.
Mehrere Jahrhunderte gehörte Bürstadt und seine Nachbargemeinden zum katholischen Kurfürstentum Mainz und somit war Mainz für uns Bürstädter Hauptstadt. Nach der französischen Revolution besetzte Napoleon das linke Rheinufer annektierte das linksrheinische Gebiet für Frankreich. Mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803 wurde Kurmainz offiziell aufgelöst und so kam Bürstadt zur Landgrafschaft Hessen-Darmstadt.
Am 14. August 1806 wurde die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt dann gegen Stellung hoher Militärkontingente an Frankreich und den Beitritt zum Rheinbund von Napoleon sogar zum Großherzogtum Hessen-Darmstadt erhoben. Der deutsche Kaiser Franz II. legt die Kaiserkrone nieder.
Schon am 10.9.1802 wurde Bürstadt von hessischen Truppen besetzt. Die Landgrafschaft bzw. das Großherzogtum Hessen – Darmstadt war von der Konfession protestantisch.
Von 1568 – 1806 war die Stadt Darmstadt Sitz der Landgrafen von Hessen Darmstadt und bis 1919 Hauptstadt des Großherzogtums Hessen. Bis 1933 war Darmstadt die Hauptstadt des Volksstaates Hessen und bis 1945 des Landes Hessen. Insbesondere das Residenzschloss und der Luisenplatz sind für uns Bürstädter von besonderem Interesse.
Beispiel: 1806 meldete sich ein gewisser Heinrich Schremser zur Leibgarde des Großherzogs. Im Jahre 1812 startete der Rußlandfeldzug Napoleons. Leibgardist Heinrich Schremser aus Bürstadt war mit Hessens Leibgarde und seinem Heerführer Prinz Emil von Hessen-Darmstadt mit dabei. Er hatte im Winter 1812 dem Prinzen das Leben gerettet und danach wurde er hoch dekoriert und hatte Zuwendungen erfahren (z.B. Ehrenkreuz der Ehrenlegion, Großherzoglicher Ludwigsorden 2. Klasse). Schremser wurde zum Oberschultheißen von Bürstadt bestellt. Die „Oberschultheiß Schremser Straße“ ist heute vielen ein Begriff. Viele Bürstädter leisteten in den nachfolgenden Jahren in den Kasernen der Hauptstadt ihren Militärdienst ab. Das Haus von Schremser wurde erst in der Neuzeit abgerissen, es stand in der Mainstraße14.
Mit dem Wiener Kongress werden 1815 neue Grenzen gezogen. Rheinhessen (das linksrheinische Gebiet von Bingen – Mainz – Worms) wird hessisch. Das Großherzogtum Hessen und bei Rhein (wie es nun heißt) und damit das Darmstädter Residenzschloss gewinnt somit in Deutschland spürbar an Bedeutung. Zeitweise kommen unter Großherzog Ernst Ludwig um 1890-1914 dessen Großmutter Queen Victoria von Großbritannien, Cousin Kaiser Wilhelm oder Schwager Zar Nikolaus von Russland zu Besuch. Das Haus Mountbatten (ehemals Battenberg) hat in Darmstadt (und Seeheim – Jugenheim) seinen Ursprung.
Um 1882 – 1890 wird ein Schießstand des Wormser 118. Infanterieregiments „Prinz Carl“ im Bürstädter Wald bis zum Schießbuckel errichtet.
Im 1. Weltkrieg kämpft das in der Ernst – Ludwigkaserne bzw. Leibgardekaserne stationierte Infanterieregiment 115 (aus der ehemaligen hessischen Leibgarde hervorgegangen), darunter einige Bürstädter, u. a. in Verdun und an anderen Brennpunkten des Krieges. Im 2. Weltkrieg kämpft das Infanterieregiment, darunter wieder einige Bürstädter, u. a. in Afrika (Tobruk, El Alamein), Italien (u. a. Monte Cassino), Charkow, Stalingrad, bei Ardennenoffensive bis zur Auflösung in Bremervörde. Ein entsprechendes Denkmal steht am Schloßgraben.
Der für uns Bürstadter relevante hessische Landtag stand bis zum 2. Weltkrieg am Luisenplatz in Darmstadt. Das Kollegienhaus beherbergte wichtige Ministerien und im 3. Reich zeitweise die Gauleitung. Am Alten Palais am Luisenplatz (heute das Luisencenter) wohnte zeitweise der Großherzog. Am Luisenplatz wurde also über Jahrzehnte hessische Landespolitik gemacht.
Der Luisenplatz, an dem der hessische Landtag lag (heute Sparkasse Darmstadt). Der hessische Landtag wurde durch einen Bombenangriff zerstört.
1931: Die "Boxheimer Dokumente" werden in schönster Abgeschiedenheit von führenden Hessischen Nazis konzipiert mit denen Mitglieder der NSDAP versuchten, eine gewaltsame Machtübernahme im Deutschen Reich vorzubereiten. Die Veröffentlichung der Dokumente schlug in der angespannten innen- und landespolitischen Lage des Herbstes 1931 hohe Wellen. Der Pächter des Hofes, Dr. Richard Wagner, war als Gaufachberater Landwirtschaft und späterer Landesbauernführer maßgeblich bei der Schaffung von Riedrode und Rosengarten beteiligt. Dr. Werner Best, Gaufachberater Innenpolitik hat bei der Gestapo und im Reichssicherheitshauptamt in Berlin Karriere gemacht. Er wurde sogar Stellvertreter von Reinhard Heydrich (Obergruppenführer der SS). Dr. Richard Wagner beendet 1932 die Pacht der Staatsdomäne Boxheimerhof. Beide Protagonisten wirkten am hessischen Landtag und im Kollegienhaus in der Landeshauptstadt
Nach der Reichstagswahl vom 05.03.33 wurden am Folgetag, dem 06.03.1933, die politische Macht auf die Nationalsozialisten übertragen. Die SPD – Landesregierung wurde „mit Gewalt“ abgesetzt. Auf den Regierungsgebäuden und dem hessischen Landtag am Darmstädter Luisenplatz wehte nun die Hakenkreuzflagge. Die Landesregierung wurde dem NSDAP – Gauleiter Jakob Sprenger (1884-1945) unterstellt.
März 1933: Dr. Werner Best richtet das erste hessische Konzentrationslager in Osthofen bei Worms ein. Mindestens 43 Bürstädter werden inhaftiert, gefoltert und gedemütigt. Wir vermuten eine weitaus höhere Zahl.
Zum 1. November 1938 trat dann eine umfassende Gebietsreform auf Kreisebene in Kraft. In der ehemaligen Provinz Starkenburg war der Kreis Bensheim besonders betroffen, da er aufgelöst und zum größten Teil dem Kreis Heppenheim zugeschlagen wurde. Der Kreis Heppenheim übernahm auch die Rechtsnachfolge des Kreises Bensheim und erhielt den neuen Namen Landkreis Bergstraße. Bürstadt allerdings wurde mit den Nachbargemeinden Lampertheim, Hofheim, Rosengarten und Biblis dem Kreis Worms, der damals zu Rheinhessen gehörte, zugeschlagen.
Am 11. September 1944 legten 221 britische RAF Lancaster - Bomber und 13 Mosquitos die Residenz- und alte hessische Hauptstadt Darmstadt in Schutt und Asche. An diesem verheerenden Tag entschied sich auch, dass nach Kriegsende Wiesbaden als hessische Hauptstadt den Vorzug vor dem völlig zerstörten Darmstadt erhielt. Augenzeugen berichten, dass die Bürstädter gegen 23.00 Uhr das laute Brummen der Bomber gehört und sich gefragt hatten, welche Stadt wohl heute Nacht bombardiert werden würde. Manche liefen zum Bahndamm, der aufgrund seiner Höhe eine gute Rundumsicht bot. Der Schock der Zeugen war groß als man sah, dass das Ziel in dieser Nacht wohl Darmstadt war. Gegen 23.25 Uhr wurde dort Luftalarm ausgelöst, um 23.55 Uhr fielen die ersten Bomben nach der sog. „Fächermethode“, wie sie später u. a. auch in Dresden angewandt wurde. Mit dieser neuen Methode sollte das totale Ausbrennen der Innenstadt erreicht werden. Es entstand ein Feuersog mit bis zu 1.000 Grad Hitze, so dass sogar Glas schmolz. Um 0.20 Uhr war das Bombardement beendet. Schätzungsweise 11.000 – 15.000 Tote werden vermutet, im Verhältnis zur Einwohnerzahl eine der höchsten Opferzahlen des 2. Weltkriegs überhaupt. Wir müssen uns vorstellen, dass Feuerwehren aus dem Umkreis – und damit auch aus Bürstadt - auf der neu gebauten Autobahn Frankfurt – Mannheim standen, jedoch nicht eingreifen konnten. Eine Koordination der Rettungsmaßnahmen war in diesem Chaos nicht möglich. Viele Archive gingen in diesem Feuersturm unwiederbringlich verloren. Zum Beispiel die Gerichtsunterlagen zum „Bürstädter – Messerstecher Fall“. Der eigentliche Schöpfer von Riedrode, Landeskulturrat Hans Reich, starb beispielsweise bei dem Luftangriff. Etwa 66.000 Einwohner verließen nach der Zerstörung die Stadt.
Wir gehen davon aus, dass auch in Bürstadt obdachlos gewordene Darmstädter bei Verwandten einquartiert wurden. Die Darmstädter Innenstadt war zu 90% zerstört. 15 Jahre dauerte die Trümmerräumung. Augenzeugenberichten nach wurden Bürstädter Jungs nach Darmstadt zur Trümmerräumung geschickt. Diese waren so geschockt, dass sie sofort wieder heimgefahren wurden.
Erst nach Kriegsende, mit Schaffung eines neuen „Groß – Hessen“ , wurde das unzerstörte Wiesbaden neue Landeshauptstadt.


